BadgesFachbeitrag

Früherkennung kognitiver Beeinträchtigungen: der Hausarzt als Weichensteller

Bei der Früherkennung von leichten kognitiven Störungen spielt der Hausarzt eine wichtige Rolle. Im Rahmen der Diagnosesicherung und Therapie kommen Spezialisten zum Zuge.
Aufgeschlagenes Buch - darüber schwebende Illustrationen mit Medizinbezug

Autor*innen
Matthias Herrmann, Berlin

15 bis 20 Prozent der über 65-jährigen Menschen erfüllen die Kriterien einer leichten kognitiven Störung (engl.: Mild Cognitive Impairment, MCI), bei der die Gedächtnisleistungen und andere kognitive Funktionen bereits messbar nachgelassen haben.1 Auch die Betroffenen selbst sowie ihre Angehörigen und Freunde bemerken Veränderungen. Die selbstständige Lebensführung ist zunächst nicht oder nur wenig beeinträchtigt. Komplexere Aufgaben wie etwa das Regeln finanzieller Angelegenheiten können aber bereits Schwierigkeiten bereiten. Innerhalb von fünf Jahren entwickelt etwa jede zweite Person mit MCI eine manifeste Demenz, zumeist in Form der Alzheimer-Krankheit. Bei der anderen Hälfte der Betroffenen bleiben die kognitiven Leistungen stabil oder sie können sich sogar wieder normalisieren.1

Frühe Diagnose öffnet Zeitfenster

Mit der frühzeitigen Diagnose einer MCI öffnet sich ein wichtiges Zeitfenster, um – nach Sicherung der Diagnose und Abklärung der Pathologie – präventive und therapeutische Maßnahmen ergreifen zu können.1 Seit 2024/2025 sind sogar erstmals Medikamente verfügbar, die bei Patienten mit bestimmten genetischen Merkmalen bereits im MCI-Stadium aufgrund der Alzheimer-Krankheit eingesetzt werden können.1

Eine Schlüsselrolle im Rahmen der MCI-Früherkennung kommt den Hausärzten zu. Denn sie sind zumeist der erste Ansprechpartner, wenn sich ein Patient wegen seiner zunehmenden Vergesslichkeit sorgt. Der Hausarzt kann aber auch aktiv den Anstoß zur weiteren Diagnostik geben, indem er einen Patienten mit auffälligen Veränderungen – mit der gebotenen Einfühlsamkeit – darauf anspricht.

Diagnostik in der Hausarztpraxis…

Zunächst werden eine Anamneseerhebung (Eigen- sowie Fremdanamnese) und eine körperliche Untersuchung durchgeführt. Erhärtet sich der Verdacht auf eine MCI, ist der Uhren-Test ein im niedergelassenen Bereich leicht durchzuführender Test.2 Denn das Zeichnen einer Uhr erlaubt Rückschlüsse auf die geistigen Fähigkeiten einer Person, wenn Ziffern und Zeiger nicht mehr richtig angeordnet werden können. Der älteste Fragebogen zur Demenz-Diagnostik ist der Mini-Mental-Status-Test (MMST). Bei einer Dauer von nur zehn Minuten wird er im hausärztlichen Bereich häufig zur ersten Orientierung durchgeführt. Abgefragt werden Orientierungsvermögen, Merkfähigkeit, Aufmerksamkeit, Sprache und räumliches Denken.2 Ein weitere verbreitete Methode ist das Montreal Cognitive Assessment (MoCA), bei dem in zehn Minuten ebenfalls verschiedene Bereiche der Leistungsfähigkeit abgefragt werden. Mit dem Zeichnen einer Uhr und eines Würfels wird die visuell-räumliche Verarbeitung geprüft. Weiterhin werden u.a. die Flüssigkeit der Sprache und die Zahlenverarbeitung getestet.2 Bei Verdacht auf eine kognitive Störung wird ein Spezialist (Facharzt/spezialisierte Zentren oder Kliniken) hinzugezogen.

…und im fachärztlichen Bereich

Der dem MMST überlegene Demenz-Detektion (DemTect)-Test als Spezialtest zur Früherkennung wird häufiger von Gerontopsychiatern und Neurologen durchgeführt.2 Bei einer Dauer von ebenfalls nur etwa zehn Minuten werden darin Gedächtnis, Wortflüssigkeit, Aufmerksamkeitsvermögen und intellektuelle Flexibilität untersucht.

Mittels Magnetresonanz-Tomographie (MRT) des Gehirns können Spezialisten behandelbare Ursachen ausschließen und ggf. weitere Aufschlüsse über die Demenzform gewinnen.

Die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und die Liquoruntersuchung zum Nachweis einer Amyloid-Pathologie bei Alzheimer-Krankheit sind spezialisierten Zentren oder Kliniken vorbehalten und liegen dort in den Händen von Nuklearmedizinern/Radiologen bzw. Neurologen.2 Voraussichtlich im Juli 2026 soll in Deutschland auch der erste Bluttest zum Nachweis einer Alzheimer-Pathologie für die Anwendung in der Primär- und Sekundärversorgung verfügbar sein.

Patienten beraten und Risikofaktoren einstellen

Auch nach Überweisung des Patienten an einen Spezialisten spielt der Hausarzt weiterhin eine zentrale Rolle, indem er Patienten in Fragen der Lebensstiländerungen – Rauchstopp, Ernährungsumstellung, Reduktion des Alkoholkonsums und Steigerung der körperlichen Aktivität – berät und die medikamentöse Einstellung weiterer modifizierbarer Risikofaktoren für eine Demenz, wie Hypertonie und Diabetes, vornimmt. Der Hausarzt kann auch prüfen, ob die MCI möglicherweise auf eine behandelbare bzw. modifizierbare Ursache wie Vitamin- oder Nährstoffmangel, eine Infektion (z.B. HIV oder Neurosyphilis), eine hormonelle Störung oder übermäßigen Alkoholkonsum zurückzuführen ist.3

Interdisziplinäre Therapie sollte in enger Absprache erfolgen

Die Behandlung mit spezifischen Antidementiva oder dem pflanzlichen Extrakt Ginkgo biloba (sofern jeweils indiziert) sollte von einem Arzt begonnen und überwacht werden, der Erfahrung in der Diagnose und Therapie der Alzheimer-Demenz besitzt.3 Die interdisziplinäre Therapie unter Beteiligung von Hausärzten, Neurologen und Psychiatern sowie Geriatern sollte aber stets in enger Absprache erfolgen. Bei den neuen Antikörpern, die bereits im MCI-Stadium aufgrund der Alzheimer-Krankheit eingesetzt werden können, werden noch höhere Anforderungen an die Qualifikation des medizinischen Personals sowie die mögliche Überwachung mittels Magnetresonanz-Tomographie (MRT) gestellt.

Literatur

Quellenangaben

[1] Natiski N. Leichte kognitive Störung (MCI) — die Vorstufe der Demenz verstehen. Deutscher Verlag für Gesundheitsinformation GmbH, abrufbar unter: https://www.leading-medicine-guide.com/de/erkrankungen/geriatrie/leichte-kognitive-stoerung-mci; Datum des letzten Zugriffs: 27.05.2026

[2] Neurologen und Psychiater im Netz: Diagnosemöglichkeiten bei Verdacht auf Alzheimer-Demenz, abrufbar unter: https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/erkrankungen/alzheimer-erkrankung/diagnostik/; Datum des letzten Zugriffs: 27.05.2026

[3] DGN e. V. & DGPPN e. V. (Hrsg.) S3-Leitlinie Demenzen, Version 6.0, 24.02.2026, abrufbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013, Datum des letzten Zugriffs: 27.05.2026